Text für Hermann Frieb " Die Lage in Deutschland 1935 Leseauszug aus meinem Buch " Verrat in München und Burghausen"

"Am Abend schrieb Faber per Hand seine Einschätzung der Lage. Besonderen Wert legte Faber auf die absolute Notwendigkeit des Antisemitismus für die Stabilität des faschistischen Systems in Deutschland.
Faber schrieb: „In Deutschland gibt es knapp 23 Millionen Kleinbürger vom Bauernstand, zum Handwerker, Händler Akademiker und Beamten. Der Antisemitismus mobilisierte besonders diese Schichten für das System. Ihre sozialen Nöte von der Inflation 1923 bis hin zur großen Krise ab 1929 wurde ihnen mit dem angeblich raffenden jüdischem Kapital erklärt. Gleichzeitig profitieren gierige,

deutsche Kleinbürger von den antisemitischen Maßnahmen des Systems. In München sind fast 100 % der Zahnärzte Mitglied der Nazipartei. Sie übernehmen die gut gehende Zahnarztpraxis von deutschen Juden zu lächerlichen Preisen. Ihre Sauferei in diversen Burschenschaften hatte demzufolge für sie keine nachhaltigen Folgen. Die nicht talentierten ehemalige Säufer und Schmiss-träger wurden Zahnklempner. Schon im Kaiserreich wurden die jüdischen Studenten vom antisemitischen Professorenpöbel benachteiligt und demzufolge mehr gefordert als der Student aus der Burschenschaft. Jetzt schanzt der Faschismus den -arischen Recken- die gut gehende jüdische Praxis zu. Dasselbe passiert im Handel. Allerdings profitieren davon nicht die Kleingewerbetreibenden, sondern meist große deutsche Handelsketten. Der kleine deutsche Händler bekommt nur das kleine jüdische Geschäft um die Ecke. Der Antisemitismus ist populär und bindet die kleinbürgerlichen Massen an den Hitlerfaschismus. Die Arbeiterklasse hingegen hat mit dem Antisemitismus wenig am Hut. Sie ist eingeschüchtert, gespalten und deprimiert. Viele Schichten innerhalb unserer Klasse, arrangieren sich mit dem Regime, denn die Massenarbeitslosigkeit geht jetzt langsam zurück. Für viele ehemalige Langzeitarbeitslose ist das ein Grund sich anzupassen. Dies, obwohl die Löhne stagnieren.“ Dann schrieb Faber noch über die,

Widerstandsgruppen: „Die KPD brachte bis dato die meisten Opfer. Ihre Vorbereitungen auf die Illegalität waren nur zum Teil effektiv. Zwar konnten
viele höheren Kader mit der Ausnahme von Ernst Thälmann und Jonny Scheer gesichert werden, aber der Mittelbau der Partei wurde schwer vom faschistischen Terror getroffen. Oft hingen die höheren illegalen Kader in der Luft. Gleichzeitig ist es der GESTAPO gelungen viele Spitzel anzuwerben und in die KPD einzuschleusen. Dennoch leistet die Masse der Mitglieder in unterschiedlicher Form Widerstand. Die Masse der KPD Mitglieder blieben ihrer Überzeugung treu.“ Über die SPD schrieb Hans Faber:
„Der Exilvorstand in Prag ging scheinbar nach links. Viele Funktionäre im Land halten allerdings
die Klappe. Sie wurden passiv. Die Materialmengen aus der Emigration erreichen nur zum Teil die Empfänger. Vor allem ehemalige Reichsbanner genossen und Mitglieder der einstigen sozialistischen Jugend, wollen mit der einstigen SPD nichts mehr zu tun haben. Sie bewegen sich in Richtung des revolutionären Sozialismus. In den Betrieben herrscht bei den ehemaligen Gewerkschaftsmitgliedern und besonders den alten Funktionären, Resignation und Angst vor. Leute um die fünfzig sind nicht mehr bereit etwas zu riskieren. Deshalb ist es nötig sich besonders auf Jugendliche zu stützen. Schulungsarbeit ist der

wesentliche Punkt.“ Über andere kleinere sozialistische Gruppen schrieb Faber: „Die SAP nähert sich dem Trotzkismus an. Besonders Jakob
Walcher und Paul Fröhlich konferierten öfter mit Leo Trotzki und seinem Sohn Leo Sedow. Ob aus der Vereinigung mit den Trotzkisten etwas wird, ist noch offen. Im Reich sind noch viele SAP Gruppen aktiv. Sie standen am Anfang der faschistischen Diktatur nicht im Fokus der Verfolgung. Ihre aktiven Mitglieder sind meist jung. Auch in München gibt es eine kleine illegale SAP Gruppe. - Neu Beginnen muss vorsichtig aber zielstrebig den Kontakt mit diesen Gruppen suchen. Ihren ehemaligen Spitzenfunktionären gelang es meist in die Emigration zu entkommen. Ähnliches gilt für die KPO. Brandler und Thalheimer sind in Paris. In Deutschland verfügt die KPO noch über Wohn und Betriebsgruppen. Nur in Nürnberg gelang es den Nazis die KPO fast vollständig zu eliminieren. Karl Grönsfelder war den Nazis in Nürnberg bekannt. Auch die anderen Mitglieder aus Nürnberg wurden ziemlich früh in die Konzentrationslager verbracht. Über das Elsass in Frankreich in der die KPO starke Gruppen hatte und hat, wird illegale Literatur ins Reich geschafft.
Die Trotzkisten, welche sich jetzt IKD nennen sind in kleinen Gruppen aktiv. Hauptsächlich in Berlin in Sachsen und im Ruhrgebiet. Viel illegale trotzkistische Literatur wird durch die sogenannten,

roten Bergsteiger- vom Sudetenland aus nach Sachsen geschmuggelt. In Deutschland schätze ich die Zahl der aktiven IKD-ler auf 200. In Bayern hingegen ist keine einzige trotzkistische Gruppe
bekannt. Alte KPD Prominenz wie Ruth Fischer, sowie Artkadi Maslow, arbeiten in Paris eng mit den Trotzkisten zusammen. Dann gibt es noch andere kleinere Gruppen im Reich. In München sind die -Internationalen Sozialisten noch zusammen. Auch hier empfehle ich eine Kontaktaufnahme.“ Gegen 21 Uhr war Faber mit dem Bericht fertig. Er ging noch in die Hotelbar. Ein Pianospieler bediente das Klavier ziemlich gekonnt. Faber trank milden roten Wein. Eine Dame um die 30 oder 40 lächelte ihn an. Er kam mit ihr ins Gespräch . Faber entfernte sich jedoch schnell aus der Bar. Er durfte seinem Testosteron nicht nachgeben. Er dachte an Karlsbad, sowie an das Versprechen
welches er Lore gegeben hatte. Seit Karlsbad sah er in jeder willigen beziehungsweise geilen Dame in den Hotels, eine GESTAPO Agentin. Hans Faber schlief schlecht aber ausreichend.
Nach einem ausgiebigen Frühstück, sowie einem längeren Spaziergang mit Poldi wartete Faber auf Hermann Frieb im Hotelzimmer. Pünktlich um 14 Uhr klopfte es sechsmal an der Zimmertür. „Herein“, sagte Hans Faber. Der unauffällige Hermann Frieb trat ein. Wieder schoss es Faber durch den Kopf,

wie geeignet der junge Mann für illegale Arbeit war. Eigentlich bemerkte man seine Anwesenheit gar nicht. Die angebotene Zigarette lehnte Frieb ab. Er
war Abstinenzler, welcher weder rauchte, noch Alkohol trank. Die beiden Männer unterhielten sich intensiv über die Lage speziell in München und Südbayern. Frieb wollte nach München zurückkehren. Der Beruf als Steuerberater im Geschäft seines Vaters war eine perfekte bürgerliche Tarnung. Faber berichtete über die illegale KPD in Bayern. Die Verhaftungen in dieser Szene hörten fast ganz auf. Aber die Gestapo nahm immer wieder Kuriere, wichtige Kuriere aus der Emigration fest. Hans Faber äußerte auch gegenüber Frieb seinen bösen Verdacht. Faber bemerkte: „Es ist durchaus möglich, dass die GESTAPO ihre Leute in der bayrischen Leitung der KP hat. Leute von draußen werden regelmäßig verhaftet. Auch viele welche versuchen in die Emigration zu gelangen. Letztere werden in einem Radiogeschäft in der Nähe des -Deutschen Museums- mit Papieren ausgestattet. Das macht ein gewisser Theo oder der-kleine Willi-. Mir schwant böses. Vielleicht will die GESTAPO, die KPD an der langen Leine führen, um anschließend alles aufzurollen.“ Frieb machte sich Notizen. Er meinte „dies sei nicht gefährlich er könne Stenografie und seine Steno könne nur er selber lesen“. Faber lachte. Dann erläuterte Frieb seine Pläne. „ In München wird alles streng konspirativ,

ablaufen. Schulungen aber auch die Pflege und Erweiterung der Waffenbestände wird ganz wichtig sein. Ich stütze mich vor allem auf ehemalige Arbeitersportler, Reichsbannerleute, aber
auch auf einzelne ältere Sozialdemokraten. Die Masse der alten Bonzen sind weder Willens noch bereit Widerstand zu leisten. Natürlich gibt es einige Ausnahmen. Alles wird auf der politischen Basis der – Revolutionären Sozialisten ablaufen. Wir treffen uns wie üblich, wenn ich wieder in München bin wieder einmal die Woche bei Baum 3.“ Faber wies darauf hin, dass er nur mit ihm kommunizieren werde. Alles andere sei zu gefährlich. Frieb nickte und sagte: „Auch meiner teuren Mutter werd ich nichts mehr von dir erzählen.“ Dann schlich der tapfere junge Sozialist wieder aus dem Zimmer. Den Bericht von Faber werde er morgen auf sicherem Weg über die Schweiz zu Knoeringen in der Tschechoslowakei befördern lassen. Faber machte,

sich keine Sorgen.

 

Foto Max Brym 

 

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