Buchempfehlungen -Geschichte ist geronnene Erfahrung

Leseauszug aus „Verrat in München und Burghausen“ Erscheint im Oktober 2018 Autor Max Brym

Leseauszug aus „Verrat in München und Burghausen“ Erscheint im Oktober 2018 Autor Max Brym Leseauszug noch ohne Lektorat.-„Hans Faber ist Rechtsanwalt, Mitglied des geheimen Abwehrapparates der KPD und als solcher formal Mitglied der NSDAP in München. Ab 1932 ist er zudem Mitglied der Gruppe „ Neu Beginnen“ bestehend aus KPD und SPD Mitgliedern. Er lebt vorwiegend in München. Am Wochenende zieht es ihn meist in seine elterliche Wohnung nach Burghausen an der Salzach. Öfter weilt er auch in Kraiburg am Inn, in der Nähe von Mühldorf, bei seiner Schwester. In der ländlichen Gegend führt er viele geheime Treffen mit Widerstandskämpfern aus ganz Deutschland durch. Sowohl in der Großstadt, sowie in der Provinz erlebt er heldenhaften Widerstand gegen den Faschismus aber auch Niedertracht und Verrat. Intuitiv hat er ab 1934 einen besonderen Verdacht gegen den KPD Funktionär „Theo“ aus Giesing. Er kennt alle Nazigrößen persönlich. Sie widern ihn an. Hans Faber arbeitet er eng mit der Widerstandsgruppe unter der Leitung von Hermann Frieb aus der Schellingstraße in München zusammen. Der Romanheld Hans Faber lebte im Widerstand gegen Niedertracht und Barbarei. Die anderen Widerstandskämpfer werden dem Vergessen entrissen.

Auszug “ Am Abend schrieb Faber per Hand seine Einschätzung der Lage. Besonderen Wert legte Faber auf die absolute Notwendigkeit des Antisemitismus für die Stabilität des faschistischen Systems in Deutschland.
Faber schrieb: „ In Deutschland gibt es knapp 23 Millionen Kleinbürger vom Bauernstand, zum Handwerker, Händler Akademiker und Beamte. Der Antisemitismus mobilisierte besonders diese Schichten für das System. Ihre sozialen Nöte von der Inflation 1923 bis hin zur großen Krise ab 1929 wurde ihnen mit dem angeblich raffenden jüdischem Kapital erklärt. Gleichzeitig profitieren gierige

deutsche Kleinbürger von den antisemitischen Maßnahmen des Systems. In München sind fast 100% der Zahnärzte Mitglied der Nazipartei. Sie übernehmen die gut gehende Zahnarztpraxis von deutschen Juden zu lächerlichen Preisen. Ihre Sauferei in diversen Burschenschaften hatte demzufolge keine nachhaltigen Folgen. Schon im Kaiserreich wurden die jüdischen Studenten vom antisemitischen Professorenpöbel benachteiligt und demzufolge mehr gefordert als der Student aus der Burschenschaft. Jetzt schanzt der Faschismus ihnen die gut gehende Praxis zu. Das selbe passiert im Handel. Allerdings profitieren davon nicht die
Kleingewerbetreibenden sondern meist große deutsche Handelsketten. Der kleine deutsche Händler bekommt nur das kleine jüdische Geschäft um die Ecke. Der Antisemitismus ist populär und bindet die kleinbürgerlichen Massen an den Hitlerfaschismus. Die Arbeiterklasse hingegen hat mit dem Antisemitismus wenig am Hut. Sie ist eingeschüchtert, gespalten und deprimiert. Viele Schichten innerhalb unserer Klasse, arrangieren sich mit dem Regime, denn die Massenarbeitslosigkeit geht jetzt langsam zurück. Für viele ehemalige Langzeitarbeitslose ist das ein Grund sich anzupassen. Dies obwohl die Löhne stagnieren.“ Dann schrieb Faber noch über die Widerstandsgruppen: „ Die KPD brachte bis dato die meisten Opfer. Ihre Vorbereitungen auf die Illegalität waren nur zum Teil effektiv. Zwar konnten

viele höheren Kader mit der Ausnahme von Ernst Thälmann und Jonny Scheer gesichert werden, aber der Mittelbau der Partei wurde schwer vom faschistischen Terror getroffen. Oft hingen die höheren illegalen Kader in der Luft. Gleichzeitig ist es der GESTAPO gelungen viele Spitzel anzuwerben und in die KPD einzuschleusen. Dennoch leistet die Masse der Mitglieder in unterschiedlicher Form Widerstand. Die Masse der KPD Mitglieder, blieben ihrer Überzeugung treu.“ Über die SPD schrieb Hans Faber:
„Der Exilvorstand in Prag ging scheinbar nach links. Viele Funktionäre im Land halten allerdings
die Klappe. Sie wurden passiv. Die Materialmengen aus der Emigration erreichen nur zum Teil die Empfänger. Vor allem ehemalige Reichsbanner Genossen und Mitglieder der einstigen sozialistischen Jugend, wollen mit der einstigen SPD nichts mehr zu tun haben. Sie bewegen sich in Richtung des revolutionären Sozialismus. In den Betrieben herrscht bei den ehemaligen Gewerkschaftsmitgliedern und besonders den alten Funktionären, Resignation und Angst vor. Leute um die fünfzig sind nicht mehr bereit etwas zu riskieren. Deshalb ist es nötig sich besonders auf Jugendliche zu stützen. Schulungsarbeit ist der wesentliche Punkt.“ Über andere kleinere sozialistische Gruppen schrieb Faber: „ Die SAP nähert sich dem Trotzkismus an. Besonders Jakob

Walcher und Paul Fröhlich konferierten öfter mit Leo Trotzki und seinem Sohn Leo Sedow. Ob aus der Vereinigung mit den Trotzkisten etwas wird ist noch offen. Im Reich sind noch viele SAP Gruppen aktiv. Sie standen am Anfang der faschistischen Diktatur nicht im Fokus der Verfolgung. Ihre aktiven Mitglieder sind meist jung. Auch in München gibt es eine kleine illegale SAP Gruppe. – Neu Beginnen- muss vorsichtig aber zielstrebig den Kontakt mit diesen Gruppen suchen. Ihren ehemaligen Spitzenfunktionären gelang es meist in die Emigration zu entkommen. Ähnliches gilt für die KPO. Brandler und Thalheimer sind in Paris. In Deutschland verfügt die KPO noch über Wohn und Betriebsgruppen. Nur in Nürnberg gelang es den Nazis die KPO fast vollständig zu elemenieren. Karl Grönsfelder war den Nazis in Nürnberg bekannt. Auch die anderen Mitglieder aus Nürnberg wurden ziemlich früh in die Konzentrationslager verbracht. Über das Elsass in Frankreich in der die KPO starke Gruppen hatte und hat, wird illegale Literatur ins Reich geschafft.
Die Trotzkisten welche sich jetzt IKD nennen sind in kleinen Gruppen aktiv. Hauptsächlich in Berlin in Sachsen und im Ruhrgebiet. Viel illegale trotzkistische Literatur wird durch die sogenannten -Roten Bergsteiger- vom Sudetenland aus nach Sachsen geschmuggelt. In Deutschland schätze ich die Zahl der aktiven IKD-ler auf 200. In Bayern hingegen ist keine einzige trotzkistische Gruppe

bekannt. Alte KPD Prominenz wie Ruth Fischer, sowie Artkadi Maslow, arbeiten in Paris eng mit den Trotzkisten zusammen. Dann gibt es noch andere kleinere Gruppen im Reich. In München sind die -Internationalen Sozialisten- noch zusammen. Auch hier empfehle ich eine Kontaktaufnahme.“ Gegen 21 Uhr war Faber mit dem Bericht fertig. Er ging noch in die Hotelbar. Ein Pianospieler bediente das Klavier ziemlich gekonnt. Faber trank milden roten Wein. Eine Dame um die 30 oder 40 lächelte ihn an. Er kam mit ihr ins Gespräch. Ziemlich schnell merkte Faber worauf die brünette Schönheit hinaus wollte. Faber entfernte sich jedoch schnell aus der Bar. Er durfte seinem Testosteron nicht nachgeben. Er dachte an Karlsbad, sowie an das Versprechen
welches er Lore gegeben hatte. Seit Karlsbad sah er in jeder willigen beziehungsweise geilen Dame in den Hotels, eine GESTAPO Agentin. Hans Faber schlief schlecht aber ausreichend.

Nach einem ausgiebigen Frühstück sowie einem längeren Spaziergang mit Poldi wartete Faber auf Hermann Frieb im Hotelzimmer. Pünktlich um 14 Uhr klopfte es sechsmal an der Zimmertür. „ Herein“ sagte Hans Faber. Der unauffällige Hermann Frieb trat ein. Wieder schoss es Faber durch den Kopf wie geeignet der junge Mann für illegale Arbeit war. Eigentlich bemerkte man seine Anwesenheit gar nicht. Die angebotene Zigarette lehnte Frieb ab. Er

war Abstinenzler, welcher weder rauchte noch Alkohol trank. Die beiden Männer unterhielten sich intensiv über die Lage speziell in München und Südbayern. Frieb wollte nach München zurückkehren. Der Beruf als Steuerberater im Geschäft seines Vaters war eine perfekte bürgerliche Tarnung. Faber berichtete über die illegale KPD in Bayern. Die Verhaftungen in dieser Szene hörten fast ganz auf. Aber die Gestapo nahm immer wieder Kuriere, wichtige Kuriere aus der Emigration fest. Hans Faber äußerte gegenüber Frieb seinen bösen Verdacht. Faber bemerkte: „ Es ist durchaus möglich, dass die GESTAPO ihre Leute in in der bayrischen Leitung der KP hat. Leute von draußen werden regelmäßig verhaftet. Auch viele welche versuchen in die Emigration zu gelangen. Letztere werden in einem Radiogeschäft in der Nähe des -Deutschen Museums- mit Papieren ausgestattet. Das macht ein gewisser -Theo- oder der -kleine Willi-. Mir schwant böses. Vielleicht will die GESTAPO, die KPD an der langen Leine führen, um anschließend alles aufzurollen.“ Frieb machte sich Notizen. Er meinte „dies sei nicht gefährlich er könne Stenografie und sein Steno könne nur er selber lesen“. Faber lachte. Dann erläuterte Frieb seine Pläne. „ In München wird alles streng konspirativ ablaufen. Schulungen aber auch die Pflege und Erweiterung der Waffenbestände wird ganz wichtig sein. Ich stütze mich vor allem auf ehemalige Arbeitersportler, Reichsbannerleute, aber

auch auf einzelne ältere Sozialdemokraten. Die Masse der alten Bonzen sind weder Willens noch bereit Widerstand zu leisten. Natürlich gibt es einige Ausnahmen. Alles wird auf der politischen Basis der – Revolutionären Sozialisten- ablaufen. Wir treffen uns wie üblich wenn ich wieder in München bin wieder einmal die Woche bei Baum 3.“ Faber wies daraufhin, dass er nur mit ihm kommunizieren werde. Alles andere sei zu gefährlich. Frieb nickte und sagte: „ Auch meiner teuren Mutter werd ich nichts mehr von dir erzählen.“ Dann schlich der tapfre junge Sozialist wieder aus dem Zimmer. Den Bericht von Faber werde er morgen auf sicherem Weg über die Schweiz zu Knoeringen in der Tschechoslowakei befördern lassen. Faber machte sich keine Sorgen.

Mit Hans Beimler in Basel

Kurz vor 17 Uhr war Hans Faber am Bahnhof. Er musste in das nahe Basel, um sich dort mit Hans Beimler und Viktor zu treffen. Am Bahnhof sollte er am Bahnhofsgleis auf eine Frau mit einem auffälligen Roten Hut achten. Faber musste der Dame behilflich sein wenn ihr ein Koffer umkippte. Dabei wurde der Bericht Fabers an Beimler und Viktor übergeben. Das Ganze klappte ausgezeichnet. Faber spielte den Kavalier und übergab im hinunterbücken der hübschen Frau das Kuvert. „ Oh es gibt ja noch echte Kavaliere“ sagte die Frau laut und deutlich. Faber fuhr ohne belastendes Material, blank und sauber, über die nahe Grenze. Vom Bahnhof aus ging Faber in das Lokal „Walliser Kanne“ in der Altstadt Basels. Am Eingang wartete Antonia Stern, die Freundin von Beimler auf Faber. Sie schickte Faber in eine abgetrennte Ecke des Lokals zu Beimler und Victor. Antonia Stern verließ das Lokal. Beimler sah für seine Verhältnisse vornehm aus. Natürlich war auch Viktor gut gekleidet. Nach der freundlichen Begrüßung berichtete Faber fast das gleiche wie in seinem Bericht an -Neu Beginnen- nur der Fokus richtete sich auf die Lage der KPD in Bayern.
Neuerlich äußerte Faber seinen Verdacht gegen Theo und den kleinen Willi. Beimler reagierte wieder ablehnend. Für ihn war Theo ein ehrlicher Arbeiter aus Giesing. Gegenüber Viktor erklärte Faber: „ Es gibt faktisch keinen Abwehrapparat in Bayern mehr, um meinen Verdacht untersuchen zu lassen. Unsere Leute wurden schnell in die Parteiarbeit miteinbezogen und größtenteils verhaftet.“ Faber erinnerte an die Inhaftierung von Fritz Rottmeier. Viktor schrieb mit und deutete durch ein Kopfnicken an, dass er mit Faber einverstanden sei. In der Runde sprach keiner mehr vom „ revolutionärem Aufschwung“. Fabers Analyse über die Stabilität des Nazi Regimes wurde geteilt. Dann erfuhr Faber viel über die Atmosphäre in der Emigration.
Beimler war besonders wütend auf Ulbricht. „ Der will Parteichef werden mit dem alten Pieck als Aushängeschild. Man kann ja von Schubert und Schulte halten was man will, aber mit dem persönlichen Ehrgeiz von Ulbricht können sie nicht mithalten. Außerdem hat Ulbricht bessere Beziehungen nach Moskau. Zudem ist -Wullbricht- ein Arbeitstier der wahrscheinlich über jeden eine Akte hat.“ Viktor ergänzte: „ Dieser Sachse will auch Hans Kippenberger los werden. Er gibt ihm immer wieder die Schuld an der Verhaftung Thälmanns, obwohl er genau weis, dass Thälmann nicht in die für ihn vorbereiteten Quartiere ging. Der will einfach jeden talentierten Genossen, der sich ihm nicht bedingungslos unterwirft loswerden. In Moskau
greift er Fritz David an, der jeden Artikel für Pieck schreibt. Auch andere talentierten Schreiber wie Birkenhauer und Hirsch, will er aus ihren Funktionen entfernen.“ Faber war deprimiert und dachte an die inhaftierten Genossen in Deutschland wie Ernst Schneller, oder Theodor Neubauer. Plötzlich wechselte Beimler das Thema. Mit verschmitztem lächeln erklärte er: „Ich hab Lore als Mitarbeiterin für die Schweiz in Moskau angefordert. Deine etwas verwöhnte Freundin scheint im proletarischem Moskau nicht glücklich zu sein. Außerdem will sie ihren Freund gelegentlich sehen. Ich versteh das. Als Postillion D Amor soll ich dich

herzlich und liebevoll von ihr grüßen. Im Januar ist sie hier Genosse Faber. Ich bereite sogar konspirative Liebesnester für euch vor.“

Bild könnte enthalten: eine oder mehrere Personen, Menschenmasse und im Freien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Max Brym zu seinem Buch „Oskar Quengels Auftrag: Für Kippenberger bei General von Schleicher“ aus https://www.klassegegenklasse.org/interview-mit-max-brym-ist-die-afd-faschistisch-oder-nicht-sie-ist-im-uebergang/ 

In München-Schwabing sprachen wir mit dem Publizisten und linken Aktivisten Max Brym über seinen Polit-Agenten-Thriller, antifaschistische Strategien gegen die historischen Nazis – und die heutigen.

Max Brym zu seinem Buch „Oskar Quengels Auftrag: Für Kippenberger bei General von Schleicher“

In deinem letzten Buch, „Oskar Quengels Auftrag“, geht es um einen jungen Kommunisten, der für die KPD der späten 1920er und 30er Jahre bei den Nazis spioniert. Was ist die Ausgangslage des Protagonisten?

Oskar Quengel befindet sich im „Abwehr“-Apparat der damaligen KPD. Er hatte die Aufgabe, feindliche Agenten zu finden und gleichzeitig selber Informationen zu sammeln und Zersetzungsarbeit zu leisten. Der Held hat den Auftrag, an der Spitze der Reichswehr, unter General von Schleicher, scheinbar für die Reichswehr die KPD auszuspionieren. Aber in Wirklichkeit informiert er die KP, was in der Reichswehr los ist, zum Teil auch in der damaligen Nazi-Führung.

Es geht dabei um mögliche Querfront-Strategien, um die Risiken des Faschismus für das Kapital, wie weit ihm zu trauen ist. Und der kommunistische Doppelagent kommt vor der Machtübernahme der Nazis zum Schluss, dass sich sämtliche Kapitalfraktionen auf Hitler verständigen. Weil die Verwertungskrise des Kapitals zu groß war. Man setzte auf die Karte Hitler, um die Verwertungskrise zu lösen, die Arbeiterbewegung vollständig zu zerschlagen und einen neuen Krieg vorzubereiten.

Ein Stichwort, das du genannt hast: Querfront. 1932 gab es einen Streik bei den Berliner Verkehrsbetrieben, der auch im Buch vorkommt. Die Faschist*innen haben ebenfalls zu diesem Streik aufgerufen. Über diese Episode gibt es bis heute eine taktische und strategische Auseinandersetzung…

Bis heute wird der Verkehrsbetriebe-Streik von Bürgerlichen benutzt, um den Kommunisten zu unterstellen, sie hätten mit den Nazis zusammengearbeitet. Das sehe ich nicht so und auch der Romanheld sieht es nicht so. Er geht davon aus, dass über 70 Prozent der Arbeiter bei den Berliner Verkehrsbetrieben für den Streik gestimmt haben. Und nachdem das passiert war, haben sich die Nazis an diesem Streik scheinbar beteiligt.

Die KP hat damals richtig entschieden, den Streik nicht abzubrechen, weil vorher die Nazis immer aktive Streikbrecher gewesen waren. Wenn man den Streik jetzt ihretwegen abgebrochen hätte, könnten sie mit dieser Taktik auf den Streikbruch verzichten.

Du schreibst ja auch darüber, wie sich die Faschist*innen gegenüber der Arbeiter*innenklasse verhalten. Der Romanheld beschreibt, wie er in den Arbeiter*innenvierteln Neuköllns nach der Machtübernahme viele Hakenkreuzfahnen aus den Fenstern hängen sieht. Einige, meint er, waren aus Angst, andere aber auch „echt“. Du schilderst dazu im Roman:

Es hat einen politischen Einbruch der Nazis in die Arbeiterklasse gegeben. Dieser wurde erzwungen durch Terror sowie durch demagogische politische Versprechungen.

Es gab Ende 1932 um die sechs Millionen Arbeitslose in Deutschland. Die Nazis haben versprochen, jeden in Arbeit und Brot zu bringen. Dieses Versprechen haben sie mit einer Verzögerung ab 1935 eingehalten. Aber nicht aufgrund eines sozialpolitischen Programms, sondern aufgrund der Parole „Kanonen statt Butter“, also durch Hochrüstung. Da wurden viele Langzeitarbeitslose dann eingebunden, schlecht bezahlt, aber sie hatten einen Job – für den Krieg.

Schon vor ‘33 hat die NSDAP weitgehend aufgegeben, demagogisch in die roten Arbeiterviertel einzudringen. Es gab relativ geschlossene Viertel, den „roten Wedding“, das „rote Neukölln“, das „rote Ruhrgebiet“. Die Arbeiterbewegung war relativ stabil in der SPD und KPD. Ideologisch da hineinzukommen ist nicht gelungen. Was gelungen ist: die Arbeiterklasse zu desorientieren, sie passiv zu machen, nachdem man nach dem inszenierten Reichstagsbrand die ganze „mittlere Garnitur“ der KPD und SPD verhaftet und in die Lager gebracht hat. Damit war die Vorbereitung auf die Illegalität weg, wie der Roman zeigt.

Nach der Machtergreifung in Bayern am 9. März zum Beispiel hat man um die 3.000 Kommunisten in die SA-Folterkeller und das neuerrichtete Konzentrationslager Dachau gebracht. Es gab dann die noch Kampfbereiten an der Basis und eine Führung, die mit einem falschen theoretischen Konzept in der Luft hing.

Kommen wir zur Gegenseite der Nazis. Wie haben die Organisationen der Arbeiter*innenklasse gegen den Faschismus gekämpft? Der Großteil der Handlung spielt in der Zeit der „Dritten Periode“, in der es die „Sozialfaschismusthese“ gab. Über die Politik der stalinisierten KP von 1930 sagt Oskar Quengel:

Eigentlich wäre es doch vernünftig, mit den Sozis zusammen Abwehrbündnisse gegen die Nazis zu schließen, schoss es mir damals durch den Kopf. Aber für uns waren sie ja Sozialfaschisten. Auf der anderen Seite schloss auch die sozialdemokratische Seite jedes Abkommen mit uns aus. Dabei waren die Plakatkleber der KPD und SPD gleichermaßen von den SA-Schlägern und -Mördern bedroht.

Das schildert doch sehr plastisch die Tragödie, in die die beiden großen Organisationen unserer Klasse brachten. Welche politische Bedeutung hat diese Phase deiner Ansicht nach?

Die damalige KP war durch die Führung Stalins und die Stalinisierung der Kommunistischen Internationale absolut unfähig, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Sie gingen ab 1928 davon aus, dass es aufgrund der eintretenden kapitalistischen Krise zu einem ununterbrochenen revolutionären Aufschwung kommt. Und der Hauptgegner war die Sozialdemokratie, dem man das Attribut „sozialfaschistisch“ anheftete.

Die KP-Politik vor ‘33 war in Bezug auf den Faschismus mehr als irre: Es gab Zentrumsfaschisten, Sozialfaschisten, Hugenberg-Faschisten, Hitler-Faschisten, es gab sogar Trotzki-Faschisten und Brandler-Faschisten. Und da bekommst du natürlich ein Problem. Wenn es nur noch Faschismen gibt, siehst du am Schluss vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Also der eigentliche Faschismus wird nicht mehr erkannt und du führst auch keine Einheitsfront mehr durch.

Die KPD-Führung hat damals gesagt: „Einheitsfront nur von unten.“ Das war ein Ultimatismus. Nicht das Angebot auf Verständigung zu gemeinsamem Aktionen gegen den Faschismus, sondern: Ihr Sozialdemokraten habt euch uns zu unterwerfen! So funktioniert keine Einheitsfront-Politik. Das war ein klarer Bruch zu den Beschlüssen der Kommunistischen Internationale auf ihren ersten vier Weltkongressen.

Es gab ja, dazu kommst du ganz am Ende des Buchs, einen großen Schwenk der Komintern, so lange es sie noch gab: die Volksfront, die Zusammenarbeit mit „progressiven“ Teilen der Bourgeoisie. Wieso auf einmal das scheinbare „Gegenteil“ der Sozialfaschismusthese, wo man nicht einmal mit Arbeiter*innenorganisationen zusammen gegen den Faschismus arbeiten wollte?

Die stalinistische Politik war in Russland wie international geprägt von einem empirischen Zickzackkurs. Heute war das eine richtig, morgen das genaue Gegenteil. Erst wollte man nicht einmal mit anderen Arbeiterorganisationen zusammen Aktionen machen. Ab 1935 machte sich dann eine von Stalin geförderte Strömung bemerkbar, die ein Bündnis mit angeblich fortschrittlichen Teilen der bürgerlichen Klasse forderte.

Das beruhte auf der Faschismus-Definition von Georgi Dimitroff auf dem siebten Weltkongress der Komintern: „Der Faschismus ist die offen terroristische Diktatur der reaktionärsten, imperialistischsten und chauvinistischsten Elemente des Finanzkapitals.“ Aus so einer Definition leitet sich sofort ab, dass es daneben auch einen fortschrittlichen Teil der Bourgeoisie gibt. Das Bündnisangebot auf diesen angeblichen Teil war auf eine längere Periode ausgelegt. Damit schloss es in Frankreich oder Spanien die Möglichkeit auf eine wirklich sozialistische Revolution aus.

Die KPD hat also unter Stalin zwei entscheidende Verbrechen begangen. Sie hat aufgrund der Sozialfaschismusthese den Faschismus in Deutschland unter anderem möglich gemacht. Und sie hat mit der Volksfront sozialistische Möglichkeiten in Frankreich und Spanien verspielt, was wiederum dem Faschismus nutzte.

Ein rotes Spanien 1936 hätte das Kräfteverhältnis in Europa geändert, aber da war man plötzlich Verteidiger des Privateigentums. Die spanischen Bauern hatten kein großes Interesse dafür zu kämpfen. Sie wollten den Boden der Großgrundbesitzer, der wiederum aber war ja vielleicht ein „antifaschistischer“ Bündnispartner. Auch die Arbeiter, speziell in Barcelona, gingen dazu über, die Betriebe unter eigene Regie zu stellen. Die Komintern sagte: Nein, das geht nicht. Wir haben eine Etappe festgelegt. Wir haben dieses Bündnis mit dem Bürgertum, ergo gebt die Fabriken an die Kapitalisten zurück, beschlagnahmt ja kein Land. Das hat sozial den Vormarsch des Faschismus erleichtert.

Die Krux ist, das versuche ich anhand des Romans zu zeigen, dass die stalinistische Politik immer statisch ist, Etappen einhält. Einmal gibt es nur einen revolutionären Aufschwung. Dann gibt es nur noch ein Defensivbündnis, sogar mit der Bourgeoisie.

Wir erleben zurzeit in Europa den Aufschwung rechter Bewegungen und Parteien. Du hast vorhin die Dimitroff-Definition kritisiert. Wie würdest du heutige rechte Gruppierungen wie die AfD oder Pegida charakterisieren?

Ich habe das Buch unter anderem geschrieben, weil ich etwas gegen die „Gegenwartsfanatiker“ habe. Leute, die Erfahrung – und Geschichte ist geronnene Erfahrung – ignorieren. Eine faschistische Bewegung zeichnet sich damals wie heute dadurch aus, dass sie die Arbeiterbewegung radikal attackiert, zum Straßenterror übergeht, dass es für Linke überall brandgefährlich wird. Es gibt heute in Europa natürlich faschistische Bewegungen.

Mir gefällt der Begriff „rechtspopulistisch“ für Parteien wie die AfD nicht, der das „Populäre“ kritisiert. Populär will ich selber sein! Nennen wir sie rassistisch. Sie ist im Übergang zum Faschismus, es ist aber noch unklar, welcher Flügel sich wirklich durchsetzt. Eine Figur wie Björn Höcke (AfD) setzt auf Straßenmobilisierungen, das sagt er auch selber. Sein enger Bündnispartner im Parteivorstand ist Gauland. Es gibt aber auch eine neoliberale, durchaus rassistische aber nicht faschistische Clique um Alice Weidel, oder schwankende Figuren wie Meuthen.

Ist die AfD faschistisch oder nicht? Sie ist im Übergang. Sie jetzt schon als faschistisch zu kennzeichnen, würde bedeuten davon auszugehen, dass überall dort, wo sie stark ist, bereits massiver Terror gegen Linke und Andersdenkende stattfindet. Jetzt gerade testet die AfD aber erst vieles aus. Im Westen gibt es einige, die ein Hugenberg-Konzept haben – aber auch klare Straßenfaschisten, die sich zu Hitler bekennen und Demagogen wie Jürgen Elsässer oder Pegida, die faschistisch sind.

Hier in München fand vom 3. zum 5. Mai der Antifa Kongress Bayern statt, gegen den Widerstand von „Gewerkschaft“ der Polizei (GdP) und DGB-Bundesvorstand im Münchner Gewerkschaftshaus. Dafür hatten sich viele Gewerkschafter*innen und Linke in München eingesetzt.

Vor dem Kongress gab es eine Dauerkundgebung, weil Rechte – Pegida und AfD – ihrerseits Kundgebungen dagegen angemeldet hatten. Von Pegida München kam es zu Terrordrohungen gegen Gewerkschafter*innen und Linke mit Anspielungen auf den NSU und das Oktoberfestattentat…

Das war offen faschistisch. Davon wird sich die AfD auf Dauer nicht distanzieren können. Formal waren die Kundgebungen von AfD und der faschistischen Pegida München getrennt. Aber dadurch, dass man gemeinsam in der gleichen Straße gegen die gleichen Linken und Gewerkschafter*innen demonstrierte, zeigte sich diese enge Verbindung zwischen den beiden Fraktionen.

Eine Prognose: Gauland und Höcke werden sich in der AfD durchsetzen. Dann kann man von einer faschistischen Partei sprechen.

Es gibt verschiedene Vorschläge, wie man mit der AfD „umgehen“ soll. Manche wollen mit ihr reden und nur aufklären. Andere wollen ein Bündnis der „87 Prozent Demokrat*innen“ gegen die AfD, eine Volksfront also. Wieder andere wollen ganz auf sich allein gestellt gegen die AfD kämpfen, in Stellvertretung und ohne die organisierte Arbeiter*innenklasse.

Ich halte es für keine gute Idee, unter dem Motto „München ist bunt“ Flugblätter zu machen, in denen möglichst wenig drin steht, aber dafür dann alle Parteien und Grüppchen drauf sind, von CSU bis DKP. Dann entsteht folgender Effekt: Die Demagogie der Rechten „funktioniert“ insofern, als dass die AfD die einzigen „Alternativen“ zum Establishment sind. Mit Leuten wie Söder Einheit gegen Rechts zu machen, heißt die Verbindung zu sozialen Kämpfen zu negieren.

Auf der anderen Seite lehne ich eine ultralinke Politik ab, wie ich sie in bestimmten Kaffeehäusern habe. Da gibt es eine bestimmte Gruppenidentität, die sich durch möglichst unverständlichen Ausdruck und eine einheitliche Kleidung auszeichnet. Diese Leute lehnen jegliche Einheitsfront-Politik mit anderen Linken ab.

Man muss das demokratische Spektrum, das sich noch irgendwie auf die Arbeiterbewegung stützt, zusammenbringen. Wann wird wo blockiert, wann schlagen wir wo wie gemeinsam gegen die Nazis zu, dazu brauchen wir eine Einheit. Gleichzeitig braucht es Agitationsfreiheit der verschiedenen Gruppen, ohne dass das als Bruch vom Bündnis interpretiert wird. Die Diskussion verschiedener Strategien ist notwendig und läuft der Einheitsfront nicht zuwider.

Danke für deine Einschätzungen! Was wird dein nächstes Buch?

Das nächste Buch spielt 1933 bis 1938 in Bayern, wieder ein Polit-Agenten-Thriller: „Verrat in München und Burghausen“. Es geht um Verrat innerhalb der KPD Südbayern. Und die Gruppe „Neu beginnen“ wird eine Rolle spielen.

Max Brym (2017): Oskar Quengels Auftrag: Für Kippenberger bei General von Schleicher. Erhältlich bei bookra. 149 Seiten.

 

 

 

 

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