„Mao in Altötting und Waldkraiburg“

Aus der Einleitung zu meinem neuen Buch „Mao in Altötting und Waldkraiburg“ Viele Menschen wurden in den siebziger Jahren in maoistischen K- Gruppen politisch sozialisiert. Nach der Forschung durchliefen rund 100.000 Personen in der BRD solche Gruppen. Besonders stark waren außerhalb der Großstädte in Bayern, solche Organisationen in den tiefschwarzen Landkreisen Altötting und Mühldorf. Diese Geschichte in der ich persönlich stark involviert war wird aufarbeitet. Geschichte ist geronnene Erfahrung und darf nicht vergessen werden. Es geht um die SIK ( Sozialistisches Initiativkomitee Altötting- Mühldorf- Wasserburg), die KPD/ML und die „Arbeiter Basis Gruppen“ später „Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD“, sowie die nichtmaoistische DKP im ländlichen Raum. Das Buch behandelt die Gründung des Habermas Lesekreises in Altötting im Jahr 1968. Es geht um die Auseinandersetzung bezüglich des Jugendzentrums am Ort. Dann folgte 1972 die Spaltung der SIK, es entstanden die „ Arbeiter Basis Gruppen“ in Altötting. Die KPD/ML sorgte Anfang der siebziger Jahre für viel Aufsehen in Burghausen und insbesondere in Töging am Inn. Der Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD war mit seiner Zeitung „ Der Rote Landbote“ besonders in Waldkraiburg und in Altötting aktiv. Personen welche damals öffentlich auftraten und somit als Personen der Zeitgeschichte gelten werden mit ihren Klarnamen benannt. Andere Namen von Aktivisten wurden abgeändert. Auch wenn die Gruppen aus heutiger Sicht klein erscheinen mögen erreichten Sie in den genannten Landkreisen im Lauf der Jahre hunderte von vor allem jugendliche Menschen welche kürzere oder längere Zeit in einer oder mehreren der genannten Gruppen aktiv waren. Die Publikationen vor allem des Arbeiterbundes hatten durchaus Einfluss in bestimmten Betrieben etwa dem Werk Gendorf in Burgkirchen, oder der WASAG Chemie in Aschau am Inn sowie dem Betriebswerk der DB in Mühldorf am Inn. Die DKP Zeitung „Im Chemie Dreieck“ brachte den einen oder anderen Kommunalpolitiker in Waldkraiburg und Burghausen ins schwitzen. Ähnliches gilt für den „ Roten Landboten“ des Arbeiterbundes in Altötting und der „Vertriebenenstadt“ Waldkraiburg. Bekannt wie bunte Hunde waren damals in den beiden Landkreisen der Altkommunist Georg Kellner, ( DKP) aus Burghausen, Harald Haugwitz, wohnhaft in Neuötting ( Arbeiterbund) Dietmar von der Au, aus Altötting ( SIK) und meine Person vor allem in Waldkraiburg ( DKP dann Arbeiterbund). Die Jusos waren damals auch im südostoberbayerischen Chemiedreieck ziemlich weit links. In Altötting wurden sie von Walter Roßdeutscher repräsentiert. In Burghausen von dem jetzigen SPD Bürgermeister Hans Steindl. Er galt damals als „ roter Rebell“ und bezichtigte auf einer DKP Veranstaltung in Burghausen, die DKP zu weit „ rechts zu stehen“.

Sinn und Zweck

Das vorliegende Büchlein stellt eine Mischung aus persönlicher Erinnerung und realen zeitgeschichtlichen Ereignissen dar. Es soll gezeigt werden, dass es in dem Marinewallfahrtsort Altötting nicht nur bescheidene Arbeiter im Weingarten des Herrn gab, sondern auch Juden, Antifaschisten und rebellierende Jugendliche im Gefolge der Studentenbewegung von 1968. In der „Vertriebenenstadt“ Waldkraiburg hielten nicht nur gestrenge sudetendeutsche Revanchisten Hof, sondern eben so sehr sudetendeutsche Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Auch in Waldkraiburg entwickelten sich ab Anfang der siebziger Jahre oppositionelle kommunistische Gruppen. Natürlich verändert sich manches in der persönlichen Betrachtungsweise im Lauf der Zeit, aber das Ideal einer sozial gerechten Gesellschaft bleibt. Zudem ist jeder Mensch das Produkt seiner Umgebung und seiner Familie. Nach meiner Erfahrung haben ehemalige Freunde von mir in Altötting und Waldkraiburg eine nachhaltige Prägung erhalten. Wenn ich die heute angegrauten „Linksextremisten“ aus Waldkraiburg und Altötting in München treffe, fällt mir immer wieder auf: Keiner dieser linken Rebellen aus Waldkraiburg und Altötting ist politisch nach rechts gegangen. Sie sind in unterschiedlicher Form links geblieben. Offensichtlich hat die katholische Dogmatik aus Altötting in umgekehrter Form eine bestimmte Eigendynamik entwickelt. Auch der Katholizismus enthält soziale Elemente. Bei einigen Menschen führte diese Dynamik zu den Lehren von Karl Marx. Die Härte der Auseinandersetzung in den genannten Orten, härtete ab. Der neoliberale Zeitgeist hat bei Altlinken aus Altötting und Waldkraiburg schlechte Karten.

Das Buch erscheint im Herbst 2019 

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Erinnerungen an meinen Vater Berek Brym

Bild Berek Brym 

 

 

Im Oktober 2018 erschien im „Oettinger Land“ im Landkreis Altötting in Südostoberbayern ein längerer Artikel von Christian Haringer zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Altötting ab dem Jahr 1945. In dem Band ist ein Bild vom Textilgeschäft Brym in Altötting abgedruckt. Das bringt mich dazu folgende Zeilen über meinen Vater zu Papier zu bringen.

Der böse Traum

Mein Vater wurde 1914 als Sohn des jüdischen Textilkaufmanns Maximilian Brym im polnischen Lodz geboren. Mein Vater hatte noch zwei Brüder und drei Schwestern. Bis weit in die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts galt Lodz als wichtiges Textilzentrum. Die Familie meines Vaters gehörte zum jüdischen Kleinbürgertum in Lodz. Es gab in Lodz eine sehr starke Arbeiterbewegung. Besonders stark war der „Jüdische Arbeiterbund“. Nur Onkel Henrik nahm damals an bestimmten Aktivitäten des „Arbeiterbundes“ teil. Mein Vater wuchs in bescheidenem Wohlstand auf. Er erlernte den Beruf eines Textilkaufmanns. Das Leben änderte sich 1939 durch die deutschen Besatzer radikal. Die Familie meines Vaters wurde in das Ghetto in Lodz gepfercht. Der Großvater verstarb vor der nazistischen Besatzung. Meine mir unbekannte Großmutter nannte dies ein großes Glück. Bis 1943 schufteten meine Verwandten in dem nazistischen Ghetto Lotz. Ich schreibe hier nichts zu den Misshandlungen, der Ausbeutung und den Brutalitäten im Ghetto von Lodz. Dazu gibt es umfangreiche Literatur und mein Vater erzählte mir fast nichts über diese Zeit. Dies verband ihn mit vielen Überlebenden der Shoah. Sie konnten über diese Periode nicht einmal mit den eigenen Kindern reden. Dennoch weckte mich im Schnitt zweimal die Woche mitten in der Nacht der „böse Traum“ meines Vaters. Den damit verbundenen durchdringenden Schrei hab ich noch heute in den Ohren. Im Jahr 1943 wurde mein Vater mit seinen Geschwistern nach Auschwitz deportiert. An der Rampe fand die Selektion statt. Meine Großmutter und die Geschwister meines Vaters wurden als „nicht arbeitsfähig“ in die Gaskammer geschickt. Mein Vater war bei den Arbeitsfähigen. Die Familie wusste, was passieren würde. Meine mir unbekannte, starke Großmutter packte meinen Vater an der Schulter, sah ihm in die Augen und nahm ihm das Versprechen ab, die Hölle zu überleben. Das war der „böse Traum“. Die Geschichte erzählte mir mein Vater unter Tränen viele Jahre später in Holon bei Tel Aviv in Israel.

Neubeginn

In der Nähe von Altötting wurden 1945 viele jüdische Häftlinge von der US Armee befreit. Die abgemergelten Skelette sollten von der SS in die sogenannte Alpenfestung getrieben werden. Nach der Befreiung wurden die Häftlinge zur Genesung in verschiedene Klöster und ins Hotel Post gebracht. In einem Kapuziner - Kloster identifizierte ein ehemaliger jüdischer Häftling aus der Slowakei, den ehemaligen Nazi-Kollaborateur Tiso. Welch eine Ironie der Geschichte. Der Verbrecher Tiso wurde mit Billigung des katholischen Kardinals Faulhaber von Anfang Mai bis Mitte Juni 1945 in dem Kloster versteckt. Anfang 1946 wurde in Altöttings ein Displaced Persons Camp errichtet. Das DP Camp befand sich im ehemaligen Gasthof Lechner in der Neuöttinger Str. 5. Knapp 300 Juden und Jüdinnen lebten zeitweise in dem Camp. Es gab einen eigenen Fußballverein unter dem Namen „Jidiszer Sport Farejn Altötting“. Daneben existierte bis 1950 eine eigene jüdische Berufsschule in Altötting. Das Camp wurde 1951 aufgelöst. 
Die DP Camps hatten sich die Rückführung von Flüchtlingen, Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen in ihr Heimatland zum Ziel gesetzt. Die Masse der Juden lehnte aber eine Rückkehr in die verschwundenen jüdischen Welten in Osteuropa ab. Viele wanderten nach Palästina oder Israel aus. Relativ viele Juden blieben aber kürzere oder längere Zeit in Altötting. Darunter befand sich mein Vater. Mein Vater begann relativ schnell wieder mit Textilien zu handeln. Er fing mit einem geliehenen Pferdewagen an. Einige Zeit leitete er eine kleine Näherei im Zentrum Altöttings. Einige Jahre nach der Heirat mit meiner Mutter übernahm er ein größeres Textilgeschäft im Hotel Post. Mein Vater war ein begnadeter Händler und Textilverkäufer. 
Besonders freute er sich wenn Wahlfahrerzüge nach Altötting kamen. Er baute sich an diesen Tagen vor seinem Geschäft auf und fragte die katholischen Wahlfahrerfrauen ob „sie auch zur Mutter Gottes gebetet hätten“. Die Frauen bejahten woraufhin mein Vater mit leicht jüdischen Akzent meinte: „Das hilft dir gar nichts. Du kannst nicht beten und mich neben dran verhungern lassen. Komm kauf mir was ab.“ Gekonnt zerrte er die Frauen in sein Geschäft und überhäufte sie mit Komplimenten. Meist verkaufte er ihnen die letzten Ladenhüter, dazu wandte er einen Spezialgriff im Rücken der Kleider an. Grinsend sagte er: „Du siehst aus wie eine Göttin und ich schenk dir das Kleid fast. Du hast mich ruiniert.“ Meine Mutter hasste dieses Theater, packte mich an der Hand und ging mit mir nach Hause. Am Abend kritisierte dann meine Mutter den Vater. Sie sagte: „Du siehst aus wie der typische, kleine, polnische Jude und bestätigst sämtliche antisemitischen Vorurteile“. Der Herr Papa meinte dann stets: „Der Antisemit braucht mich nicht, um Antisemit zu sein. Schau dir doch die katholischen Devotionalienhandlung am Kappelplatz an. Die verkaufen angeblich geweihte Kerzen zu Wahnsinnspreisen.“ Meine stets auf Ausgleich bedachte Mutter lachte und schwieg. Neben dem Textilgeschäft Brym gab es noch das jüdische Textilgeschäft Bramson und das deutsche Textilgeschäft Kellerer. Alle drei waren Konkurrenten und mochten sich nicht. Nur der kleine jüdische Textilhändler Gelschinski war mit meinem Vater befreundet. Gegerle kam oft zu uns nach Hause und machte stets Scherze mit mir. Ab einer gewissen Stufe stellte sich Gegerle auf einen Stuhl und begann zu singen. Mir gefiel es, aber meine Eltern lachten, wenn Gegerle aus dem Haus war. Nach der Meinung meiner Eltern hielt sich sein sängerisches Talent in engen Grenzen. Dennoch hatte mein Vater einige selbstproduzierte Platten von Gelschinski im Plattenschrank.
Ein anderer Dauergast in unserem Haus war Herr Melschewski. Dieser Herr ignorierte den kleinen Max fast immer. Stets versuchte er im Mittelpunkt zu stehen und prahlte mit seinen geschäftlichen Erfolgen in Niederbayern. Auch mein Vater mochte ihn nicht, aber solange Melschewski da war, wurde er äußerst zuvorkommend behandelt. Ich erinnere mich noch wie mein Vater nach meiner Mutter rief und sie bat für diesen Herrn die Zigarre anzuspitzen. Mir imponierte nur der immer sichtbar getragene Pistolengurt von Melschewski, sein Jackett war wie in einem echten Gangsterfilm meist ausgebeult. Auf meine Frage warum er immer seinen Pistolenhalfter zeigen muss, antwortete mein Vater: „Weil er sich für wichtig hält“. Meine Phantasie schlug aber andere Purzelbäume. Heimlich kuckte ich „Jerry Cottan“- Filme und mein erster Held war Zorro.

Konflikte zwischen Mama und Papa

Die Ehe meiner Eltern war nicht glücklich. Mein Vater war oft nervös und leicht aggressiv. Meine Mutter hingegen schluckte fast immer bestimmte Grobheiten hinunter. Meinen Vater trieb es immer wieder aus dem Haus. Er sagte fast jeden Abend: „Ich geh mal schnell 10 Minuten um den Stachus“, womit der Kapellplatz in Altötting gemeint war. Aus den 10 Minuten wurden Stunden. Mein Vater wollte einfach mit jemandem reden. Das Reden war ein Monolog über Gott und die Welt. Immer wieder bekam er nachts einen Altöttinger Bürger zu fassen, auf den er stundenlang einredete. Oft flogen gegen 3 Uhr nachts Fenster auf und es wurde „Bitte etwas leiser, Herr Brym!“ gerufen. Erst viele Jahre später begriff ich, dass mein Vater Unterhaltung brauchte, um sich von seiner KZ-Zeit und seinen grausamen Erinnerungen abzulenken. Hin und wieder versuchten Männer meinem Vater auf der Straße zu entkommen. Aber er fand immer ein „Opfer“. Außerdem galt mein Vater als Prozesshansel. Er ließ sich nichts gefallen, aber übertrieb es dabei. Meist ging er ohne besonderen Grund zum Anwalt. Die Anwälte freuten sich und ab den siebziger Jahren wurde in Altötting erzählt: „Die Zahl der Anwälte und der Prozesse hat deutlich abgenommen. Es gibt auch nichts Neues mehr.“ Im Oktober 1970 zog mein Vater nach Israel. 
Vorher war der Papa ein ziemlicher Schwerenöter. In und bei Altötting habe ich zwei Halbbrüder von zwei unterschiedlichen Müttern. Einer davon ist, Bürgermeister der Papstgeburtsgemeinde Marktl am Inn. Komplimente, gutes Benehmen und Charme gehörten bei meinem Vater gegenüber dem weiblichen Geschlecht dazu wie die Butter zum Brot gehört. Die Altöttinger Frauenwelt war hin und hergerissen, da es in Altötting nicht üblich war, Handküsse und Blumen zu bekommen. Meine Mutter litt furchtbar unter diesen Zuständen und Affären. Im Herbst 1964 verließ die Mama meinen Vater. Monatelang lag sie im Krankenhaus. Ich war bei einer Familie in Niederbayern „geheim“ untergebracht. Wir zogen nach Waldkraiburg in eine Stadt im Landkreis Mühldorf, die es bis 1945 gar nicht gab. Im Wald bei Kraiburg am Inn ließen die Nazis bis 1945 Zwangsarbeiter in einer getarnten Munitionsfabrik arbeiten. Nach 1945 siedelten sich auf dem teilweise zerstörten und geheimen Bunkergelände Menschen aus dem Sudetenland an.

Zwischen Altötting und Waldkraiburg

Ich wurde in Waldkraiburg eingeschult. Die Grundschule an der Dieselstraße war speziell in den sechziger Jahren meist kein angenehmer Ort. Die Lehrer durften die Schüler und Schülerinnen noch prügeln. Der Hauptteil der sudetendeutschen „Pädagogengarde“ machte davon ausgiebig Gebrauch. Ihre Referendariatszeit machten diese Herren in den dreißiger Jahren. Wir Schüler wurden nicht nur geohrfeigt, sondern oft wild geschlagen. Der Turnunterricht bestand häufig aus militärischen Übungen verbunden mit dem Einstudieren diverser sudetendeutscher Volkstänze. Damit konnte ich überhaupt nichts anfangen. Schnell faszinierte mich allerdings der Fussball. Einige Lehrer waren so reaktionär, dass sie uns gerne wieder vom Fussball weg in den sicheren Hafen des Turnvaters Jahn gebracht hätten. Ergo: Weg vom Ball hin zu Reck und Bock. Damit scheiterten diese Leute nicht nur bei mir. Jeden Tag nach der Schule flog der Schulpack in die Ecke und es wurde bis zum Einbruch der Dämmerung gekickt. Damals hatte ich viel Zeit. Es gab schließlich noch kein G8. Außerdem arbeitete meine Mutter zuerst in der Glashütte als Sekretärin und später als Filialleiterin im Stoffgeschäft Holst. Sie kam erst nach 6 Uhr abends nach Hause. Neben dem Fußball gönnte ich mir oft Hefte über Ivenhoe, Ritter Sigurt und den speziellen Held meiner Kindheit Robin Hood. Natürlich kannte ich alle Winnetou-Filme. Die Dialoge, wenn im Fernsehen ein Winnetou-Teil wiederholt wird, kenne ich bis heute noch fast auswendig. Im heutigen Stadtpark von Waldkraiburg gab es damals zwei herrlich große Bunkerruinen, die teilweise unter einem Berg begraben waren. Für uns Jungs stellte das eine wunderbar abenteuerliche Spielwiese dar. Meist spielten wir Cowboys gegen Indianer. Meine Mutter hatte immer etwas Angst, wenn ich dort spielte. Einige Male verletzten wir ein paar Rentner. Das lag daran, dass sich zwischen den beiden Ruinen ein Fußgängerweg befand und es dabei vorkam, dass ein Rentner einem selbstgebastelten Pfeil nicht ausweichen konnte. Wir machten uns schnell aus dem Staub, wenn sich ein Erwachsener fluchend einen Pfeil aus dem Oberschenkel zog. Aber ich hatte keine normale Kindheit. Ich war ein Scheidungskind der sechziger Jahre. Damals gab es noch die Schuldfrage. Jahrelang prozessierte mein Vater gegen meine Mutter und ich musste alle zwei Wochen übers Wochenende nach Altötting. Mein Vater versuchte unbedingt das unumschränkte Sorgerecht für mich zu bekommen. Immer wieder stellte er mir Fragen und Fangfragen mit dem Ziel am Montag zu seinem Rechtsanwalt zu laufen, um mich der Mutter wegzunehmen. In dieser Zeit hasste ich meinen Vater und Altötting. Ich rutschte sogar einmal mit einem Kreuz um die Gnadenkapelle und versuchte zu beten, obwohl ich nicht katholisch war. Das Resultat war, dass ich krank wurde. Schuld daran war nicht mein Vater oder meine Mutter, sondern die damals existierenden Gesetze. Ich war der einzige Sohn und mein Vater hatte bis auf seinen Bruder Henryk die gesamte Familie verloren. Alle Erwartungen konzentrierte mein Vater auf mich. Sein Bruder konnte mit meiner Tante Genja keine Kinder bekommen. Später verzeihte ich meinem Vater alles. Erst als Erwachsener sah ich ihn in Holon wieder. Im Schlafzimmer hingen Bilder von mir. Mein Vater hatte wie viele Überlebende der Shoah einen Tick. Er war nervös und suchte stets nach Ablenkung. Der Eine zockte, der Nächste war nur auf dem Fußballplatz, mein Vater lenkte sich mit zahllosen Frauenaffären ab. Unter Tränen gestand er mir im hohen Alter dass er nur meine Mutter liebte. Er half mir später wo er konnte. Leider verstarb er schon im Mai 2001 in Holon. Er bekam nicht mehr mit, dass ich noch zweimal Vater in München wurde. Mein Vater wäre gerne Opa geworden.

 

Aus dem Buch " Es begann in Altötting" https://www.amazon.de/Es-begann-Alt%C3%B6tting-Max-Brym/dp/3944264703 

 

 

 

Neues Buchprojekt- „Mao in Altötting und Waldkraiburg“

 

 

Gegenwärtig arbeite ich an zwei Büchern. Die Trilogie „ Verrat in München und Burghausen“ wird fortgesetzt. Der zweite Band ist fast fertig. Den ersten Band könnt ihr unter http://www.bookra-verlag.de/b17.html oder in jeder Buchhandlung bestellen. Jetzt fesselt mich aber auch noch ein anderes Projekt. Viele Menschen wurden in den siebziger Jahren in maoistischen K- Gruppen politisch sozialisiert. Nach der Forschung durchliefen rund 100.000 Personen in der BRD solche Gruppen. Besonders stark waren außerhalb der Großstädte in Bayern solche Gruppen in den Landkreisen Altötting und Mühldorf. Diese Geschichte in der ich persönlich stark involviert war will ich aufarbeiten. Geschichte ist geronnene Erfahrung und darf nicht vergessen werden. Es wird ein Buch welches „ Mao in Altötting und Waldkraiburg“ heißt. Es geht um die SIK, die KPD/ML und den „Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD“ sowie die nichtmaoistische DKP im ländlichen Raum. Stark stütze ich mich dabei auf mein Buch „ Es begann in Altötting“ welches nur noch antiquarisch erhältlich ist. Siehe https://www.amazon.de/Es-begann-Alt%C3%B6tting…/…/3944264703 . Es werden aber auch neue Quellen ausgewertet. Erinnerungen von anderen Personen und Dokumente. Das Buch beginnt mit der Gründung des Habermas Lesekreises in Altötting im Jahr 1968. Es geht weiter über die Auseinandersetzung bezüglich des Jugendzentrums in Altötting. Dann folgte die Spaltung der SIK es entstanden die „ Arbeiter Basis Gruppen“ in Altötting. Die KPD/ML sorgte Anfang der siebziger Jahre für viel Aufsehen in Burghausen und insbesondere in Töging am Inn. Ziemlich viel Arbeit also. Zur Einstimmung auf das neue Buch ein Leseauszug aus „ Es begann in Altötting“ 
Max Brym

Mein Kontakte zum Arbeiterbund in Altötting

Mich störte seit meinem Aufenthalt in Ost-Berlin Vieles an der DDR. Die DDR war kein vorbildliches, sozialistisches System. Das Gegenteil war der Fall. Meine Bedenken diskutierte ich allerdings nicht in der DKP. Für Georg Kellner war oftmals jede kleine Kritik bereits mit „Agententum“ und „Spionage“ verbunden. Außerdem fühlte ich mich noch nicht stark genug für eine offene Auseinandersetzung. Zunehmend intensivierte ich meine Kontakte zum Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD in Altötting. In Altötting hatte diese mao-stalinistische Organisation viel Einfluss. Der Arbeiterbund ging aus den 1968 gegründeten „Arbeiter-Basis Gruppen“ in München hervor. Gegenüber der DKP und der SIK (Sozialistisches Initiativkomitee) war der Arbeiterbund der dominierende Faktor in Altötting. Der Arbeiterbund gab die Zeitung „Der Rote Landbote“ heraus. Das Blatt verteidigte die Autonomie des örtlichen Jugendzentrums und griff sehr häufig die Skandale in der örtlichen CSU auf. Kurzfristig gab es dazu den „Roten Chemiearbeiter“ für Hoechst in Gendorf. Der Arbeiterbund mobilisierte zu seinen Mai-Veranstaltungen in Altötting knapp 100 Personen. Die überragende Führungsfigur im Altöttinger Arbeiterbund war Harald Haugwitz. Haugwitz war von kleiner Statur mit einem Leninbart und ein sehr guter Redner. Besonderen Eindruck hinterließ der dreiunddreißigjährige Haugwitz bei Frauen und Mädchen. Ich fragte mich oft, warum derart viele Frauen damals im Arbeiterbund waren. Das lag bei den meisten an der Person von Harald. Dies obwohl er nicht dem klassischen Bild eines Casanovas entsprach. Ab dem Jahr 1976 traf ich mich oft mit Haugwitz. Er begeisterte mich für die chinesische Kulturrevolution und das „sozialistische Albanien“. Mir schien ein Licht aufzugehen, wie die Degenerierung einer sozialistischen Revolution verhindern werden könnte. Der Arbeiterbund kritisierte sehr stark die Anbiederung der DKP an die Gewerkschaftsbürokratie und lehnte den „friedlichen Übergang zum Sozialismus“ als illusionär ab. Dennoch war der Arbeiterbund damals keine weltfremde Sekte.

Helge Sommerrock in Altötting

Anfang 1977 wurde ich bei einem Treffen des Arbeiterbundes in Altötting „organisierter Sympathisant“ der Organisation. Das Referat hielt Helge Sommerrock aus München. Lange sprach Frau Sommerock mit mir. Helge Sommerrock war zusammen mit Thomas Schmitz Bender im Jahr 1968 führend im Münchner SDS tätig. Beide gründeten dann die „Arbeiter-Basis Gruppen zum Aufbau der kommunistischen Partei“. Im Jahr 1973 änderte die Organisation den Namen in „Arbeiterbund“. Der Arbeiterbund war in München ein lokaler Faktor. Auf die eigenen 1. Mai-Demonstrationen kamen bis zu 10.000 Personen. Innerhalb sehr kurzer Zeit konnte der Arbeiterbund Ortsgruppen in Passau, in Regensburg, in Altötting, Nürnberg und Augsburg gründen. Erst Mitte der siebziger Jahre konnte sich der Arbeiterbund zur bundesweiten Organisation im K-Gruppen-Spektrum entwickeln. Ab 1976 versuchte der Arbeiterbund Fraktionen in der DKP aufzubauen. Aus diesem Grund wurde mir geraten vorerst in der DKP zu bleiben. Dort sollte ich im Sinne des Arbeiterbundes gegen den „modernen Revisionismus“ kämpfen. Dies konnte allerdings nicht lange gut gehen. Die DKP entlarvte meine „Wühlarbeit“. Im März 1978 wurde ich aus der DKP ausgeschlossen. Den Ausschluß vollzog der DKP-Kader aus Straubing Karl Heinz Mühlbauer. Von den ehemaligen DKP-Genossen in Waldkraiburg folgte mir nur Andy Pobtmann. Zusammen mit ihm und neuen Kontakten bauten wir aber dennoch sehr schnell eine Gruppe des Arbeiterbundes in Waldkraiburg auf. Sehr hilfreich war, dass der gesamte linke Flügel der SPD im Kommunalwahljahr 1978 faktisch die SPD verließ. Ernst Tuppen, damals Mitglied des Personalrates bei der DB in Mühldorf, kam direkt aus der SPD in den Arbeiterbund. Auch Kurt Mangler trat aus der SPD aus, jedoch ohne in den Arbeiterbund einzutreten. Dennoch war der Pensionist Mangler sehr wichtig für uns. Mangler hielt Kontakt zu älteren Vorstandsmitgliedern der SPD. Der nun auch in Waldkraiburg erscheinende „Rote Landbote“ brachte immer wieder interne Infos aus der örtlichen SPD. Immer wieder führte das zu Verdächtigungen und Vermutungen in der Waldkraiburger SPD. Besonders SPD-Stadtrat Rainer Gottwald versuchte „Verräter“ dingfest zu machen. Allerdings war ihm dabei keinerlei Erfolg beschieden.

Der Rote Landbote

Die örtliche Zeitung des Arbeiterbundes, der „Rote Landbote“, mit Berichten aus Waldkraiburg, Wasserburg am Inn, Mühldorf und Altötting wurde als Monatszeitung in tausende Briefkästen in Waldkraiburg von 1978 bis 1987 gesteckt. Sehr schnell war der „Landbote“ eines der gefragtesten Blätter in der Region. Dies hatte sehr einfache Gründe. Die Zeitung brachte monatlich Berichte aus den verschiedensten Betrieben. Einmal stand etwas über die besondere Ausbeutung in der Textilfabrik Konen im Blatt. Das nächste Mal darüber, dass bei Pumpen Dickow seit Monaten kein Klodeckel mehr auf der Toilette war. Der „Rote Landbote“ stellte die Frage: „Sollen wir uns für den Chef auch noch auf dem Klo den Arsch aufreißen?“ Überall hatte der „Rote Landbote“ Informanten. Allerdings hatten wir zwar Massensympathie, was die Zeitung anging aber keine feste Verankerung in den Betrieben. Eine gewisse Verankerung gab es nur bei der DB Mühldorf und in der chemischen Waffenfabrik der WASAG AG in Aschau am Inn. Gefragt waren unsere Betriebsberichte sowie die Enthüllungen über Vorkommnisse in der örtlichen CSU und aus dem Stadtrat. Wir hatten auch bekannte CSU-Mitglieder als Informanten, einige versuchten uns zu benützen, um innerparteiliche Rivalen auszuschalten. Auf alle Fälle war das Blatt sehr gefragt in Waldkraiburg. Teilweise erlagen wir der Illusion, dies hätte etwas mit der Sympathie für unseren gepflegten Maoismus zu tun oder mit unserer positiven Bezugnahme auf Enver Hoxha in Albanien. In Wahrheit sehnten sich die Massen aber nicht nach Mao, sondern nach unseren örtlichen Enthüllungen. Die Frage: „Wann kommt denn der nächste Landbote?“ war häufig mit reiner Sensationslust des Fragestellers verbunden. Waldkraiburg war und ist eine äußerst langweilige Stadt. Viele Menschen sehnten sich einfach nach Gesprächsstoff oder fragten sich, wann Pepone gegen Don Camillo wieder zuschlägt. Allerdings hatte der „Rote Landbote“ wirklich einigen Einfluss. 

 

 

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Interview mit Max Brym zum Buch: "Verrat in München und Burghausen". im Radio "Inn-Salzach Welle" 



 

https://drive.google.com/file/d/1Q_FKynXebFhSYxg_4stklkbrO7D4EhLC/view?fbclid=IwAR2owzuJCPF8a8TV9qQioeZ4ZHALEh4YTt2F594SXya9Vqo4Ulx7mWoF6f0

 

Es begann in Altötting

Ein linker Jude zwischen Altötting, Waldkraiburg, München und Prishtina…

Es begann in AltöttingVon Agron Sadiku

Der SWB Verlag in Stuttgart hat ein neues Buch unter dem Titel „Es begann in Altötting“ von Max Brym veröffentlicht. Aufgrund eines biologischen Zufalls wurde Max Brym in eine jüdische Familie in dem stockkatholischen oberbayerischen Altötting geboren. Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend und prickelnd. Man erfährt viel über das Leben von Schoah Überlebenden nach der Befreiung vom Faschismus in Südostoberbayern. Bryms Vater verlor fast die komplette Familie in Auschwitz. Nach der Befreiung vom Faschismus gab es in dem Wallfahrtsort eine relativ starke jüdische Gemeinde.

Max Brym radikalisierte sich Anfang der siebziger Jahre auch aufgrund der Verhältnisse in Altötting und Waldkraiburgsehr stark nach links hin. Zu seiner Person enthüllt Max Brym einige interessante Geheimnisse. Als sehr junger Mensch war er in Altötting und Waldkraiburg, zuerst Mitglied der DKP und nach einem für ihn frustrierendem DDR Aufenthalt, jahrelang Mitglied des „Arbeiterbundes für den Wiederaufbau der KPD“. Später wechselte er zur trotzkistischen Konkurrenz. Das Buch ist voller witziger und humorvoller Geschichten. Über einige Jahre wurde Brym von einem Waldkraiburger CSU Stadtrat „schwarz“ finanziert. Der Herr wollte eine Lebensversicherung gegen die eventl. drohende russische Invasion abschließen. Brym nennt in dem Buch viele Personen aus der örtlichen politischen Prominenz. Darunter den ehemaligen Kreisvorsitzenden der DKP Gerorg Kellner aus Burghausen, aber auch damalige „Arbeiterbuntführer„ wie Harald Haugwitz, aus Altötting und Helge Sommerrock aus München.

Viel kann man darüber lernen wie stark auch die südostoberbayrische Provinz Anfang der siebziger Jahre von den den Auswirkungen der Studentenbewegung betroffen war. Es bildete sich nicht nur die DKP, sondern auch viele unterschiedliche maoistische Gruppen auf dem tiefkatholischen Boden heraus. Intensiv berichtet Brym über die damaligen Auseinandersetzungen in der sogenannten Vertriebenenstadt Waldkraiburg. Personen wie die ehemaligen Bürgermeister Dr. Kriegisch (SPD) und Jochen Fischer ( CSU) kommen vor. Aber das Büchlein ist nicht nur eine Lokalgeschichte. Später zog Brym nach München und traf sich mit so unterschiedlichen Personen wie Enver Hoxha in Albanien, Ernest Mandel in München und Albin Kurti in Prishtina. Brym trat kürzlich aus der SAV aus. Diese neueste Entwicklung findet sich nicht im Buch. Es scheint das Schicksal von Max Brym zu sein, ewig in der linken Dissidentenschar zu verbleiben. Richtig ergreifend sind die Passagen in denen Max Brym sich an seine Eltern erinnert. An den Vater, welcher in Israel verstarb, aber auch an seine verstorbene Mutter.

Immer führte Brym, ob lokal, national und bisweilen international den Kampf gegen den Kapitalismus und Imperialismus. Irrtümer und Fehler verschweigt Max Brym dabei nicht. Stets war er besonders am Kampf gegen den Antisemitismus beteiligt. Brym schrieb jahrelang für die jüdische Zeitung haGalil und war so auch an der Hohmann-Affäre beteiligt. Heute ist Brym Mitglied der Partei die „Linke“ in Bayern. Auch über die Konflikte in diesem Landesverband findet sich viel in dem Buch von Max Brym. Personen wie Fritz Schmalzbauer, Klaus Ernst oder MdB Harald Weinberg, werden benannt.

Für mich als gebürtigem Kosova- Albaner waren insbesondere die Erinnerungen an die albanische Emigration interessant. Max Brym unterstützte lange Zeit die „Bewegung für eine albanische Republik in Jugoslawien“ in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Erhellend sind auch seine Deutschlandreise 2007 mit Hysen Durmishi und Liburn Aliu. Immer verteidigte Brym das Selbstbestimmungsrecht Kosovas. Er traf in seinem Leben Personen wie Hysen Terpeza, Fehmi Ladrovci und andere zum Teil sehr verschiedene Personen.
Ich habe das locker und leicht zu lesende Buch, mit 166 Seiten auf einen Rutsch gelesen.

Max Brym, Es begann in Altötting, SWB Media Publishing 2014, 166 S., Euro 11,80, Bestellen?

Fernsehbeitrag zu Max Brym